07. Juni 2018

Seit 20 Jahren finden wohnungslose Menschen in der medizinischen Grundversorgung in Saarbrücken Hilfe


Über 2000 wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen haben in den letzten 20 Jahren Hilfe in der „Medizinischen Grundversorgung für Wohnungslose“ der Diakonie Saar in Saarbrücken erhalten. Das 20-jährige Bestehen der Einrichtung wurde jetzt mit einer kleinen Feier begangen.

„Wir haben es in der Wohnungslosenhilfe mit Menschen in  existenzieller Not zu tun“, sagte Anne Fennel aus der Geschäftsführung der Diakonie Saar. „Wir sind sehr dankbar und freuen uns, dass wir als Diakonie hier gemeinsam mit den Partnern konkrete Hilfe leisten können.“

 Viele sind nicht krankenversichert

Im März 1998 hatte die Fachberatungsstelle für Wohnungslose der Diakonie Saar, die damals in der Alten Kirche am St. Johanner Markt untergebracht war, mit dem niedergelassenen Arzt Dr. Thomas Seel eine wöchentliche Sprechstunde eingerichtet. Hintergrund war die Erfahrung, dass Menschen ohne Wohnung oder in besonderen Schwierigkeiten oft ohne ärztliche Hilfe bleiben, wenn sie krank sind. Viele sind nicht krankenversichert und haben kein Geld, um eine medizinische Behandlung zu bezahlen. Auch Scham ist für viele ein Hemmnis, im Krankheitsfall eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus aufzusuchen. Die Sprechstunde wurde von vielen Menschen aufgesucht. Nach und nach konnten auch weitere Ärzte für das ehrenamtliche Engagement gewonnen werden, doch die Praxis blieb ohne rechtliche Zulassung ein Provisorium. Am 1. Juli 2006 gelang es dann im Zusammenwirken von Diakonie, Kassenärztlicher Vereinigung Saar (KVS), Ärztekammer, Sozialministerium und Kassen die „Praxis medizinische Grundversorgung Wohnungsloser“ einzurichten. Träger ist die KV in Kooperation mit der Diakonie – und das ist bundesweit einmalig.

Kooperation mit der KVS 

„Wir haben im Saarland eine gute medizinische Versorgung in allen Bereichen. Aber wohnungslose Menschen und Menschen in Notlagen werden mit der Versorgung oft trotzdem nicht erreicht“, sagte Dr. Dirk  Jesinghaus Vorsitzender der Vertreterversammlung der KVS. „Durch die Einrichtung der Praxis Medizinische Grundversorgung für Wohnungslose konnten viele Hürden beseitigt werden, die vorher in der Versorgung von Wohnungslosen bestanden. Deshalb ist diese Hilfe – auch für uns als KVS - sehr wichtig.“

 

Die „Medizinischen Grundversorgung für Wohnungslose“ gehört heute zur „Aufsuchenden sozialen Arbeit“ der Diakonie Saar im Saarland.  In der Einrichtung arbeiten Sozialarbeit und Medizin interdisziplinär zusammen. So werden die Hemmschwellen für die Betroffenen niedrig gehalten. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter motivieren Wohnungslose beim Kontakt auf der Straße, medizinische Hilfen in Anspruch zu nehmen, sie unterstützen bei Problemen mit der Krankenversicherung, Anträgen bei Sozialamt und Jobcenter, sorgen für Krankenhauseinweisungen und Überweisungen zu Fachärzten oder Therapie-Einrichtungen. Ziel ist es immer, die Menschen wieder ins Regelsystem der allgemeinen Gesundheitsversorgung zu integrieren.

 Acht ehrenamtlich arbeitende Ärzte

In der Praxis, die heute im Haus der Diakonie in der Johannistraße 4 untergebracht ist, behandeln derzeit acht ehrenamtlich tätige Ärzte verschiedener Fachrichtungen. Sie ist mit Geräten zur Grundversorgung ausgestattet.  Bei Bedarf machen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie die Ärzte auch Hausbesuche bei Erkrankten oder suchen sie in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe auf.

 Die Medizinische Grundversorgung nehmen jährlich rund 250 Menschen in Anspruch. Rund 50 Menschen werden schon im Vorfeld von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern versorgt. In der Praxis werden jährlich rund 200 Patienten behandelt,  etwa mehr als die Hälfte erstmalig. Die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte liegt bei rund 800.

„Wohnungslose Menschen, ständig unterwegs, leiden immer wieder an ernsten Krankheiten und finden den  Weg in das Gesundheitssystem selbst dann nicht, wenn sie über Krankenversicherungsschutz verfügen“, sagte Bernd Seiwert aus dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie in der Feierstunde. Die medizinische Grundversorgung der Diakonie Saar sei die niederschwellige Hilfe, die angenommen werde. „Bemerkenswert ist das außerordentliche Engagement der Medizinerinnen und Mediziner, die hier in ihrer Freizeit eine Sprechstunde ehrenamtlich anbieten“, so Seiwert.

 „Jeder einzelne, der sich in dieser Einrichtung engagiert, leistet wichtige Arbeit. Die Männer und Frauen, die hierher kommen, befinden sich in schwierigen Lebenslagen und stehen am Rande unserer Gesellschaft, “ sagte der Saarbrücker Bürgermeister Ralf Latz. Er dankte allen, die sich ehrenamtlich um diese Menschen kümmern und ihnen medizinische Hilfe bieten.

Spenden zum Betrieb nötig

Auch Fennel dankte allen Ärzten, die sich in den letzten 20 Jahren in der Praxis ehrenamtlich engagiert haben. „Sie leisten eine ganz wichtige Arbeit. Das ist Nächstenliebe im wahrsten Sinne des Wortes.“

 Finanziert wird die Praxis vorwiegend aus kirchlichen Mitteln und Mietzuschüssen der KV. Rund 25.000 Euro sind jährlich zusätzlich als Spenden nötig. Fennel bat die Saarländerinnen und Saarländer um weitere Spenden, um den Betrieb der Medizinischen Grundversorgung auch in Zukunft zu gewährleisten. 

 

Medizinische Grundversorgung für Wohnungslose
Haus der Diakonie Saarbrücken
Johannisstraße 4, 66111 Saarbrücken
Telefon: 0681 / 389830
aufsuchendeSA@dwsaar.de

Die Praxis ist  mittwochs von 10 bis 11 Uhr geöffnet, bei Bedarf auch länger.

 

 





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